Griechischer Text
1,47 Εἶδεν ὁ Ἰησοῦς τὸν Ναθαναὴλ ἐρχόμενον πρὸς αὐτὸν καὶ λέγει περὶ αὐτοῦ· ἴδε ἀληθῶς Ἰσραηλίτης ἐν ᾧ δόλος οὐκ ἔστιν.
Wort-für-Wort-Analyse
| Griechische Form | Morphologie | Grundbedeutung | Syntaktische Funktion |
|---|---|---|---|
| Εἶδεν | Aorist Aktiv Indikativ, 3. Person Singular, von ὁράω | sehen, erblicken | Prädikat des ersten Erzählungssatzes. Der Aorist bezeichnet den abgeschlossenen Wahrnehmungsakt; der augmentierte Aorist steht am Satzanfang. |
| ὁ | Bestimmter Artikel, Nominativ Maskulinum Singular | der | Begleitet Ἰησοῦς und markiert zusammen mit dem Nominativ das Subjekt. |
| Ἰησοῦς | Eigenname, Nominativ Maskulinum Singular | Jesus | Subjekt zu Εἶδεν. Jesus ist zugleich das in der folgenden direkten Rede vorausgesetzte Subjekt von λέγει. |
| τὸν | Bestimmter Artikel, Akkusativ Maskulinum Singular | den | Begleitet Ναθαναὴλ und kennzeichnet die Akkusativgruppe als Objekt der Wahrnehmung. |
| Ναθαναὴλ | Eigenname, indeklinabel; hier Akkusativ Maskulinum Singular, durch den Artikel ausgewiesen | Nathanael | Zusammen mit τὸν Objekt zu Εἶδεν und zugleich logisches Subjekt des Partizips ἐρχόμενον. |
| ἐρχόμενον | Präsens Medium, Partizip, Akkusativ Maskulinum Singular, von ἔρχομαι | kommend, herankommend | Partizipialprädikat zu Ναθαναὴλ. Das Partizip bezeichnet eine gleichzeitig zum Sehen stattfindende Handlung: Jesus sieht Nathanael, während dieser kommt. |
| πρὸς | Präposition mit Akkusativ | zu, auf … hin | Leitet zusammen mit αὐτὸν die Richtungsangabe ein. |
| αὐτὸν | Personalpronomen, Akkusativ Maskulinum Singular | ihn | Objekt der Präposition πρὸς. Das Pronomen bezieht sich auf Jesus: Nathanael kommt auf Jesus zu. |
| καὶ | Koordinierende Konjunktion | und | Verbindet den Wahrnehmungssatz mit der anschließenden Redehandlung. |
| λέγει | Präsens Aktiv Indikativ, 3. Person Singular, von λέγω | sagen, sprechen | Prädikat des zweiten Satzteils mit Jesus als Subjekt. Das Präsens ist als historisches Präsens eine lebendige Fortsetzung der Erzählung: „und er sagt“. |
| περὶ | Präposition mit Genitiv | über, hinsichtlich | Leitet das Thema beziehungsweise den Bezugsgegenstand der Äußerung ein. |
| αὐτοῦ | Personalpronomen, Genitiv Maskulinum Singular | ihn, seiner | Genitivergänzung zu περὶ. Das Pronomen bezieht sich auf Nathanael: Jesus spricht über ihn. |
| ἴδε | Aorist Aktiv Imperativ, 2. Person Singular, von ὁράω | siehe, sieh | Aufforderung zur Aufmerksamkeit. Die Form leitet die charakterisierende Aussage über Nathanael ein und kann im Deutschen auch mit „Seht“ oder „Schaut“ wiedergegeben werden. |
| ἀληθῶς | Adverb | wahrhaftig, wirklich | Adverbiale Bestimmung. Es verstärkt die folgende Bezeichnung Ἰσραηλίτης und hebt deren Echtheit hervor. |
| Ἰσραηλίτης | Substantiv, Nominativ Maskulinum Singular | Israelit | Charakterisierende Nominativform nach ἴδε, mit prädikativer beziehungsweise ausrufender Funktion. Nathanael wird als wahrhaftiger Israelit bezeichnet. |
| ἐν | Präposition mit Dativ | in | Leitet die nähere Bestimmung zu Ἰσραηλίτης ein: in einer Person beziehungsweise in einem Menschen. |
| ᾧ | Relativpronomen, Dativ Maskulinum Singular | dem, in dem | Bezieht sich in Genus und Numerus auf Ἰσραηλίτης und steht wegen der Präposition ἐν im Dativ. Es eröffnet den Relativsatz ἐν ᾧ δόλος οὐκ ἔστιν. |
| δόλος | Substantiv, Nominativ Maskulinum Singular | List, Täuschung, Falschheit | Subjekt zu ἔστιν. Das Wort bezeichnet nicht nur eine einzelne Lüge, sondern eine Haltung der Berechnung, Hinterlist oder Unaufrichtigkeit. |
| οὐκ | Verneinungspartikel | nicht, kein | Negiert ἔστιν. Die Form οὐκ steht vor dem vokalisch anlautenden Verb und verneint den behaupteten Sachverhalt. |
| ἔστιν | Präsens Aktiv Indikativ, 3. Person Singular, von εἰμί | ist, befindet sich | Prädikat des Relativsatzes. Mit δόλος als Subjekt ergibt sich wörtlich: „in dem keine Täuschung ist“ beziehungsweise „in dem es keine Falschheit gibt“. |
Wörtliche Übersetzung
Jesus sah den Nathanael zu ihm kommend und sagt über ihn: „Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in dem keine Täuschung ist.“
Flüssigere Übersetzung
Als Jesus Nathanael auf sich zukommen sah, sagte er über ihn: „Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in dem keine Falschheit ist.“
Philologische Hinweise
Die Wahrnehmung des kommenden Nathanael
Der Satz beginnt mit Εἶδεν, dem Aorist von ὁράω. Die Erzählung stellt damit einen abgeschlossenen Wahrnehmungsakt heraus: Jesus sieht Nathanael. Auf τὸν Ναθαναὴλ folgt ἐρχόμενον im Akkusativ. Diese Verbindung ist eine typische partizipiale Konstruktion der Wahrnehmung: Das Akkusativobjekt und das Partizip bilden zusammen den wahrgenommenen Vorgang. Jesus sieht nicht lediglich Nathanael, sondern Nathanael, wie er kommt.
Das Präsenspartizip ἐρχόμενον bezeichnet Gleichzeitigkeit zum Wahrnehmen. Es beschreibt Nathanael im Vorgang des Herankommens. Die Form ist morphologisch ein Medium, gehört aber zum deponentischen Verb ἔρχομαι, das in dieser Bedeutung aktiv übersetzt wird.
Die Richtungsangabe πρὸς αὐτόν
Die Präpositionalgruppe πρὸς αὐτόν bestimmt die Richtung des Kommens. πρὸς mit Akkusativ kann eine Bewegung auf eine Person hin ausdrücken. αὐτόν bezieht sich hier auf Jesus. Nathanael kommt also nicht nur allgemein näher, sondern bewegt sich auf Jesus zu. Die Gruppe macht die Begegnung räumlich und erzählerisch konkret.
καὶ λέγει als lebendige Erzählungsfortsetzung
Mit καὶ λέγει wechselt der Text von der Wahrnehmung zur Rede Jesu. Das Präsens λέγει ist im erzählenden Zusammenhang als historisches Präsens zu verstehen. Es vergegenwärtigt die Handlung und lässt Jesu unmittelbare Reaktion lebendig hervortreten. Das Subjekt bleibt Jesus, obwohl sein Name nicht wiederholt wird.
περὶ αὐτοῦ bedeutet „über ihn“ oder „hinsichtlich seiner“. Das Pronomen αὐτοῦ steht im Genitiv, weil es von περὶ regiert wird, und nimmt Nathanael wieder auf. Jesu folgende Worte sind daher eine öffentliche Charakterisierung Nathanaels.
ἴδε und die Bezeichnung ἀληθῶς Ἰσραηλίτης
ἴδε ist formal der Aoristimperativ Singular von ὁράω. Als Aufforderung zur Aufmerksamkeit kann die Form mit „Siehe“, „Sieh“ oder „Schaut“ übersetzt werden. Sie lenkt den Blick der Hörer auf Nathanael und eröffnet eine wertende Beschreibung.
ἀληθῶς, „wahrhaftig“ oder „wirklich“, steht adverbial bei der folgenden Bezeichnung. Ἰσραηλίτης ist ein Nominativ Singular und bezeichnet Nathanael als Israeliten. Die Nominativform kann nach ἴδε ausrufend beziehungsweise prädikativ verstanden werden: „Siehe, wahrhaftig ein Israelit.“ Der Ausdruck hebt nicht nur Nathanaels ethnische Zugehörigkeit hervor, sondern qualifiziert ihn als einen Israeliten, dessen Verhalten dem Anspruch dieser Bezeichnung entspricht.
Der Relativsatz ἐν ᾧ δόλος οὐκ ἔστιν
Die Wortgruppe ἐν ᾧ eröffnet einen Relativsatz. ᾧ stimmt mit Ἰσραηλίτης in Maskulinum und Singular überein und steht als Dativ nach ἐν. Der Satz bedeutet wörtlich „in dem keine Täuschung ist“. Das Relativpronomen bezieht sich somit auf die charakterisierte Person Nathanaels.
δόλος ist das Subjekt zu ἔστιν. Das Substantiv kann „List“, „Täuschung“, „Betrug“, „Hinterlist“ oder „Falschheit“ bedeuten. Im vorliegenden Zusammenhang beschreibt es eine innere oder zwischenmenschliche Unaufrichtigkeit, nicht bloß eine einzelne falsche Aussage. Die Negation οὐκ ἔστιν erklärt, dass eine solche Haltung in Nathanael nicht vorhanden ist. Die flüssige Übersetzung „in dem keine Falschheit ist“ bewahrt deshalb den Charakter der Aussage besser als eine bloße Wiedergabe mit „der nicht lügt“.
Der theologische und erzählerische Akzent
Jesu Aussage steht in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu Nathanaels vorheriger Skepsis gegenüber Nazareth. Der Vers beschreibt ihn nicht als oberflächlich arglos, sondern als einen Menschen ohne δόλος, also ohne Hinterlist und ohne unehrliche Absicht. Seine Frage konnte kritisch oder prüfend sein, wird von Jesus jedoch nicht als Täuschung verurteilt. Die Charakterisierung bereitet die anschließende Reaktion Nathanaels und die weitere Offenbarung Jesu vor.
