Griechischer Text
1,51 καὶ λέγει αὐτῷ· ἀμὴν ἀμὴν λέγω ὑμῖν, ὄψεσθε τὸν οὐρανὸν ἀνεῳγότα καὶ τοὺς ἀγγέλους τοῦ θεοῦ ἀναβαίνοντας καὶ καταβαίνοντας ἐπὶ τὸν υἱὸν τοῦ ἀνθρώπου.
Wort-für-Wort-Analyse
| Griechische Form | Grundform | Morphologie und Syntax | Grundbedeutung und Funktion |
|---|---|---|---|
| καὶ | καί | Koordinierende Konjunktion. | „und“. Sie verbindet den Vers mit der vorausgehenden Rede und leitet die weitere Äußerung Jesu ein. |
| λέγει | λέγω | Präsens Aktiv Indikativ, 3. Person Singular. Erzählendes beziehungsweise historisches Präsens. | „er sagt“. Das Präsens vergegenwärtigt die Rede Jesu innerhalb der Erzählung. |
| αὐτῷ | αὐτός | Dativ Maskulinum Singular des Personalpronomens. | „zu ihm“. Der Dativ bezeichnet den unmittelbaren Adressaten, im Erzählzusammenhang Nathanael. |
| ἀμὴν | ἀμήν | Unveränderliches, aus dem Hebräischen beziehungsweise Aramäischen übernommenes Bestätigungswort. | „wahrlich“, „amen“ oder „gewiss“. Die erste Wiederholung eröffnet eine feierliche Bekräftigungsformel. |
| ἀμὴν | ἀμήν | Unveränderliches Bestätigungswort; zweite Stelle der Doppelformel. | „wahrlich“. Die Verdoppelung verstärkt die Verbindlichkeit und Gewissheit der folgenden Aussage. |
| λέγω | λέγω | Präsens Aktiv Indikativ, 1. Person Singular. | „ich sage“. Jesus formuliert eine autoritative Ankündigung und wendet sich mit ihr an die Angesprochenen. |
| ὑμῖν | σύ | Dativ Plural des Personalpronomens der 2. Person. | „euch“. Der Dativ bezeichnet die pluralische Anrede beziehungsweise die Empfänger der Aussage. |
| ὄψεσθε | ὁράω | Futur, 2. Person Plural. Die Form ist formal medial und wird von ὁράω deponentisch mit aktivischer Bedeutung gebraucht. | „ihr werdet sehen“. Jesus kündigt eine künftige Wahrnehmung oder Offenbarung an. |
| τὸν | ὁ, ἡ, τό | Bestimmter Artikel, Akkusativ Maskulinum Singular. | „den“. Der Artikel gehört zu οὐρανὸν und markiert das bestimmte Akkusativobjekt. |
| οὐρανὸν | οὐρανός | Akkusativ Maskulinum Singular; direktes Objekt zu ὄψεσθε. | „Himmel“. Zusammen mit dem Partizip ἀνεῳγότα bezeichnet die Form das, was gesehen werden soll: „den Himmel geöffnet“. |
| ἀνεῳγότα | ἀνοίγω | Perfekt Aktiv Partizip, Akkusativ Maskulinum Singular; kongruent mit τὸν οὐρανὸν. Prädikativ zum Akkusativobjekt. | „geöffnet“ beziehungsweise „geöffnet habend“. Das Perfekt hebt den bestehenden Zustand des geöffneten Himmels hervor. |
| καὶ | καί | Koordinierende Konjunktion. | „und“. Sie verbindet den geöffneten Himmel mit der folgenden Engelgruppe. |
| τοὺς | ὁ, ἡ, τό | Bestimmter Artikel, Akkusativ Maskulinum Plural. | „die“. Der Artikel gehört zu ἀγγέλους und kennzeichnet die Engel als weiteres Objekt der angekündigten Wahrnehmung. |
| ἀγγέλους | ἄγγελος | Akkusativ Maskulinum Plural; durch die Artikelgruppe τοὺς ἀγγέλους bestimmt und von ὄψεσθε abhängig. | „Engel“. Die Engel bilden zusammen mit den Partizipien ἀναβαίνοντας und καταβαίνοντας die zweite große Bildkomponente der Vision. |
| τοῦ | ὁ, ἡ, τό | Bestimmter Artikel, Genitiv Maskulinum Singular. | „des“. Der Artikel gehört zum Genitivattribut τοῦ θεοῦ. |
| θεοῦ | θεός | Genitiv Maskulinum Singular; Genitivattribut zu ἀγγέλους. | „Gottes“ beziehungsweise „von Gott“. Die Engel werden als zu Gott gehörend bestimmt. |
| ἀναβαίνοντας | ἀναβαίνω | Präsens Aktiv Partizip, Akkusativ Maskulinum Plural; kongruent mit τοὺς ἀγγέλους. | „aufsteigend“ oder „hinaufsteigend“. Das Präsenspartizip beschreibt die fortdauernde beziehungsweise anschaulich vorgestellte Bewegung der Engel. |
| καὶ | καί | Koordinierende Konjunktion zwischen zwei Partizipien. | „und“. Sie verbindet die gegenläufigen Bewegungen der Engel. |
| καταβαίνοντας | καταβαίνω | Präsens Aktiv Partizip, Akkusativ Maskulinum Plural; kongruent mit ἀγγέλους und koordiniert mit ἀναβαίνοντας. | „absteigend“ oder „hinabsteigend“. Zusammen mit ἀναβαίνοντας stellt das Partizip die Bewegung in beide Richtungen dar. |
| ἐπὶ | ἐπί | Präposition mit Akkusativ. | „auf“, „über“ oder „hin zu“. Mit dem Akkusativ bezeichnet ἐπί hier die Richtung beziehungsweise den Zielbezug der Bewegung. |
| τὸν | ὁ, ἡ, τό | Bestimmter Artikel, Akkusativ Maskulinum Singular. | „den“. Der Artikel gehört zu υἱὸν und markiert die bestimmte Ziel- beziehungsweise Bezugsgröße. |
| υἱὸν | υἱός | Akkusativ Maskulinum Singular; von ἐπί regiert. | „Sohn“. Die Form ist Bestandteil der festen Bezeichnung „der Sohn des Menschen“. |
| τοῦ | ὁ, ἡ, τό | Bestimmter Artikel, Genitiv Maskulinum Singular. | „des“. Der Artikel gehört zum Genitivattribut τοῦ ἀνθρώπου. |
| ἀνθρώπου | ἄνθρωπος | Genitiv Maskulinum Singular; Genitivattribut zu υἱὸν. | „Menschen“ beziehungsweise „der Menschheit“. Zusammen mit υἱὸν bezeichnet die Form den messianischen Titel „Menschensohn“. |
Wörtliche Übersetzung
Und er sagt zu ihm: „Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes aufsteigend und absteigend auf den Menschensohn.“
Flüssigere Übersetzung
Und er sagt zu ihm: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen sehen.“
Philologische Hinweise
1. καὶ λέγει αὐτῷ
Der Vers beginnt mit καὶ λέγει αὐτῷ. λέγει steht formal im Präsens, obwohl die umgebende Erzählung in der Vergangenheit fortschreiten kann. Dieses erzählende oder historische Präsens vergegenwärtigt den Augenblick der Rede: Jesus „sagt“ Nathanael die folgenden Worte. αὐτῷ steht im Dativ und bezeichnet den unmittelbaren Adressaten. Die Singularform verweist zunächst auf Nathanael, während die anschließende Anrede mit ὑμῖν in den Plural wechselt.
2. ἀμὴν ἀμὴν λέγω ὑμῖν
Die doppelte Formel ἀμὴν ἀμὴν ist eine charakteristische Bekräftigungsformel. ἀμήν ist ein unveränderliches Lehnwort und bedeutet in diesem Zusammenhang „wahrlich“, „gewiss“ oder „amen“. Durch die Verdoppelung wird die folgende Aussage besonders nachdrücklich eingeführt. λέγω ist Präsens Aktiv Indikativ in der ersten Person Singular: „ich sage“. Das Verb steht mit dem Dativ ὑμῖν, „euch“, und richtet die Aussage ausdrücklich an mehrere Hörer.
Der Wechsel von αὐτῷ zum Plural ὑμῖν ist syntaktisch und erzählerisch bedeutsam. Jesus spricht Nathanael zunächst persönlich an, formuliert die nun folgende Offenbarungszusage aber als Wort an einen größeren Kreis. Der Text legt dadurch eine Ausweitung des Adressatenkreises nahe, ohne die unmittelbare Gesprächssituation aufzugeben.
3. ὄψεσθε als Zukunftszusage
ὄψεσθε ist die zweite Person Plural der Zukunftsform von ὁράω und bedeutet „ihr werdet sehen“. Die Form ist formal medial gebildet, wird bei diesem Verb jedoch deponentisch mit aktivischer Bedeutung gebraucht. Sie ist daher nicht als passives „ihr werdet gesehen werden“ zu verstehen. Das Futur richtet den Blick auf eine noch ausstehende Wahrnehmung und nimmt die Zusage aus dem vorhergehenden Vers auf: Auf das bereits Erlebte sollen größere Dinge folgen.
4. τὸν οὐρανὸν ἀνεῳγότα
τὸν οὐρανὸν steht im Akkusativ und ist das direkte Objekt zu ὄψεσθε. ἀνεῳγότα ist ein Perfekt Aktiv Partizip im Akkusativ Maskulinum Singular und stimmt mit οὐρανὸν überein. Es steht prädikativ beim Akkusativobjekt. Die Konstruktion bezeichnet somit nicht nur den Himmel als Gegenstand des Sehens, sondern den Himmel in einem bestimmten Zustand: „den Himmel geöffnet“ beziehungsweise „den Himmel offen“.
Das Perfektpartizip kann den fortbestehenden Zustand betonen, der aus dem Öffnen hervorgegangen ist. Die flüssige Übersetzung „ihr werdet den Himmel offen sehen“ gibt diese Zustandsbedeutung im Deutschen natürlicher wieder. Die griechische Form bewahrt zugleich den Bezug zu einer vorausliegenden Öffnung und deren gegenwärtig wahrnehmbarem Ergebnis.
5. τοὺς ἀγγέλους τοῦ θεοῦ
τοὺς ἀγγέλους τοῦ θεοῦ bildet eine Nominalgruppe im Akkusativ Plural. ἀγγέλους ist das Substantiv, τοὺς der zugehörige bestimmte Artikel. τοῦ θεοῦ steht als Genitivattribut und bestimmt die Engel näher: Es handelt sich um „die Engel Gottes“ beziehungsweise um Engel, die Gott zugeordnet sind. Die gesamte Nominalgruppe ist wie τὸν οὐρανὸν von ὄψεσθε abhängig.
6. ἀναβαίνοντας καὶ καταβαίνοντας
Die beiden Formen ἀναβαίνοντας und καταβαίνοντας sind Präsens Aktiv Partizipien im Akkusativ Maskulinum Plural. Sie stimmen mit τοὺς ἀγγέλους überein und beschreiben, was die Engel tun. ἀναβαίνοντας bedeutet „aufsteigend“ oder „hinaufsteigend“, καταβαίνοντας „absteigend“ oder „hinabsteigend“. Das verbindende καὶ koordiniert die Partizipien.
Durch die beiden gegenläufigen Bewegungen entsteht das Bild eines fortlaufenden Verkehrs zwischen Himmel und dem Zielpunkt auf der Erde. Das Präsens der Partizipien lässt die Bewegung anschaulich und dynamisch erscheinen. Die Engel werden nicht nur als anwesende Gestalten angekündigt, sondern in einer ununterbrochenen Bewegung des Auf- und Absteigens.
7. ἐπὶ τὸν υἱὸν τοῦ ἀνθρώπου
ἐπὶ regiert hier den Akkusativ τὸν υἱὸν. Mit dem Akkusativ kann ἐπί eine Richtung, einen Zielbezug oder eine Bewegung auf etwas hin bezeichnen. Die Präpositionalgruppe ist daher wörtlich mit „auf den Menschensohn“ oder „hin zum Menschensohn“ wiederzugeben. Im Zusammenhang mit ἀναβαίνοντας und καταβαίνοντας bezeichnet sie den Bezugspunkt, auf den die Engelbewegung ausgerichtet ist.
τὸν υἱὸν τοῦ ἀνθρώπου ist eine Nominalgruppe mit dem Genitivattribut τοῦ ἀνθρώπου. Wörtlich bedeutet sie „den Sohn des Menschen“. Als feste biblische Bezeichnung wird sie im Deutschen gewöhnlich als „der Menschensohn“ wiedergegeben. Der Vers verbindet damit die Himmelsvision ausdrücklich mit der Person Jesu und stellt den Menschensohn als Mittelpunkt beziehungsweise Zielbezug der Engelbewegung dar.
8. Die Bildkomposition des Verses
Die Satzstruktur ordnet drei Elemente aufeinander: den geöffneten Himmel, die Engel Gottes und den Menschensohn. ὄψεσθε regiert sowohl τὸν οὐρανὸν ἀνεῳγότα als auch τοὺς ἀγγέλους τοῦ θεοῦ mit den zugehörigen Partizipien. Das erste Objekt wird durch den Zustand des geöffneten Himmels charakterisiert, das zweite durch die Bewegung der Engel. So entsteht keine lose Folge einzelner Bilder, sondern eine zusammenhängende Offenbarung: Der Himmel ist offen, die Engel bewegen sich, und ihre Bewegung steht in Beziehung zum Menschensohn.
9. Verhältnis zu Johannes 1,50
Der vorhergehende Vers kündigt „Größeres“ an. Johannes 1,51 entfaltet diese Ankündigung in einer Bildsprache der Offenbarung. Aus dem persönlichen Erkennen Nathanaels unter dem Feigenbaum wird eine pluralisch ausgesprochene Verheißung des Sehens. Die grammatische Gestaltung unterstützt diesen Übergang: Das erzählende Präsens λέγει vergegenwärtigt Jesu Rede, die doppelte Bekräftigung ἀμὴν ἀμὴν unterstreicht ihre Gewissheit, und das Futur ὄψεσθε richtet die Hörer auf die kommende Offenbarung aus.
