Johannes 1,16: Denn aus seiner Fülle empfingen wir alle, und Gnade anstelle von Gnade

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Griechischer Text:

ὅτι ἐκ τοῦ πληρώματος αὐτοῦ ἡμεῖς πάντες ἐλάβομεν καὶ χάριν ἀντὶ χάριτος·

Wort-für-Wort-Analyse

Griechisch Grundform Grammatische Bestimmung Wörtliche Bedeutung
ὅτι ὅτι begründende unterordnende Konjunktion denn, weil, dass
ἐκ ἐκ Präposition mit Genitiv aus, heraus aus
τοῦ bestimmter Artikel, Genitiv Singular Neutrum der, des
πληρώματος πλήρωμα Substantiv, Genitiv Singular Neutrum Fülle, Vollständigkeit, das Erfüllte
αὐτοῦ αὐτός Personal- oder Possessivpronomen, Genitiv Singular Maskulinum, auf den Logos bezogen seiner, von ihm
ἡμεῖς ἐγώ Personalpronomen, Nominativ Plural, 1. Person wir
πάντες πᾶς Adjektiv, Nominativ Plural Maskulinum, kongruent mit ἡμεῖς alle
ἐλάβομεν λαμβάνω Aorist Aktiv Indikativ, 1. Person Plural wir empfingen, wir erhielten
καὶ καί beiordnende Konjunktion und
χάριν χάρις Substantiv, Akkusativ Singular Femininum; Objekt zu ἐλάβομεν Gnade, Gunst
ἀντὶ ἀντί Präposition mit Genitiv anstelle von, anstatt, für
χάριτος χάρις Substantiv, Genitiv Singular Femininum; Ergänzung zu ἀντί von Gnade

Wörtliche Gesamtübersetzung

Denn aus seiner Fülle empfingen wir alle, und Gnade anstelle von Gnade.

Hinweise und Anmerkungen

ὅτι als Begründung oder Erklärung

ὅτι kann je nach Zusammenhang „dass“, „weil“ oder „denn“ bedeuten. Hier leitet es eine begründende beziehungsweise erklärende Aussage ein. Im Zusammenhang mit dem vorhergehenden Zeugnis des Johannes erklärt der Vers, worauf die Vorrangstellung und die Bedeutung des Logos beruht: Aus seiner Fülle haben alle empfangen.

ἐκ τοῦ πληρώματος αὐτοῦ

Die Präposition ἐκ steht mit dem Genitiv und bezeichnet die Herkunft oder den Ausgangspunkt. τοῦ πληρώματος ist deshalb als Genitivgruppe von ἐκ abhängig. Die wörtliche Vorstellung lautet „aus der Fülle“ oder „heraus aus der Fülle“.

πλήρωμα kann „Fülle“, „Vollständigkeit“, „Gesamtheit“ oder „das, was erfüllt ist“ bezeichnen. Im vorliegenden Zusammenhang wird der Ausdruck als Quelle verstanden, aus der empfangen wird. Die Übersetzung „seine Fülle“ gibt die Zugehörigkeit wieder, die durch αὐτοῦ ausgedrückt wird. Die Form αὐτοῦ ist grammatisch ein Genitiv Singular und bezieht sich im Zusammenhang auf den Logos aus den vorhergehenden Versen.

ἡμεῖς πάντες

ἡμεῖς ist das ausdrücklich gesetzte Personalpronomen „wir“. Da die Endung von ἐλάβομεν das Subjekt bereits erkennen lässt, erhält ἡμεῖς besonderes Gewicht. πάντες stimmt mit ἡμεῖς in Kasus und Numerus überein und erweitert die Aussage zu „wir alle“. Die Wortgruppe bezeichnet somit eine betonte, umfassende Subjektgruppe, ohne dass der Vers an dieser Stelle eine bestimmte Einzelperson ausnimmt.

ἐλάβομεν als Aorist

ἐλάβομεν ist die erste Person Plural im Aorist Aktiv Indikativ von λαμβάνω, „nehmen“, „empfangen“ oder „erhalten“. Der Aorist stellt den Vorgang des Empfangens als Ganzes dar. Er muss nicht mechanisch mit einem einmaligen Augenblick gleichgesetzt werden, sondern beschreibt hier den Empfang als zusammengefasste Tatsache: „Wir empfingen“ oder „wir haben empfangen“.

Das Verb steht in der ersten Person Plural und nimmt ἡμεῖς πάντες als Subjekt auf. Das nachfolgende χάριν ist ein Akkusativ und kann als Objekt zu ἐλάβομεν verstanden werden. Nach καὶ wird also kein zweites finites Verb benötigt: „Wir empfingen … und Gnade …“

χάριν und χάριτος

χάριν ist der Akkusativ Singular von χάρις und bezeichnet das, was empfangen wurde. Das Wort kann je nach Kontext „Gnade“, „Gunst“, „Wohlwollen“ oder eine gewährte Gabe bedeuten. In der festgelegten wörtlichen Übersetzung bleibt hier „Gnade“ erhalten.

ἀντί steht mit dem Genitiv und bezeichnet grundsätzlich ein Verhältnis von Gegenüberstellung, Austausch oder Ersetzung. Daher kann ἀντὶ χάριτος wörtlich mit „anstelle von Gnade“ oder „für Gnade“ wiedergegeben werden. Die Wiederholung von χάρις in der Formulierung hebt die enge Verbindung der beiden Ausdrücke hervor.

„Gnade anstelle von Gnade“

Die wörtliche Fassung lautet: „Gnade anstelle von Gnade“. Sie bewahrt die Präposition ἀντί mit ihrem Genitiv und die Wiederholung des Substantivs. In Übersetzungen finden sich auch die idiomatischeren Wiedergaben „Gnade um Gnade“ oder „Gnade auf Gnade“. Diese Formulierungen können als mögliche Deutungen der Beziehung zwischen den beiden Gnadenbezeichnungen genannt werden, ersetzen aber nicht die wörtliche Grundübersetzung.

Der griechische Wortlaut entscheidet an dieser Stelle allein nicht jede weitergehende Auslegung der Wiederholung. Sprachlich sicher ist, dass die Aussage die empfangene Gnade mit einer weiteren Gnadenbezeichnung durch ἀντί in Beziehung setzt.

Syntaktischer Aufbau

  1. ὅτι leitet die begründende oder erklärende Aussage ein.
  2. ἐκ τοῦ πληρώματος αὐτοῦ ist eine Präpositionalgruppe des Ursprungs und beschreibt, woher der Empfang kommt.
  3. ἡμεῖς πάντες bildet das ausdrücklich betonte Subjekt: „wir alle“.
  4. ἐλάβομεν ist das finite Prädikat der ersten Person Plural.
  5. χάριν ist das direkte Objekt von ἐλάβομεν.
  6. καὶ verbindet die erste Objektangabe mit der folgenden Ergänzung.
  7. ἀντὶ χάριτος bestimmt das Verhältnis der empfangenen Gnade zu „Gnade“ und wird durch die Präposition mit Genitiv gebildet.

Zusammenfassung

Johannes 1,16 begründet die vorausgehende Aussage mit dem Hinweis auf die Fülle des Logos. Das betonte „wir alle“ empfängt aus dieser Fülle. Das Verb ἐλάβομεν beschreibt diesen Empfang als zusammengefasste Tatsache. Die abschließende Verbindung „Gnade anstelle von Gnade“ bewahrt die griechische Präposition ἀντί und lässt erkennen, dass die empfangene Gnade in eine besondere Beziehung zu einer weiteren Gnadenbezeichnung gesetzt wird.

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