Johannes 1,18: Gott hat niemand jemals gesehen; der einziggeborene Gott, der im Schoß des Vaters ist, jener hat ausgelegt

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Griechischer Text:

Θεὸν οὐδεὶς ἑώρακεν πώποτε· μονογενὴς θεὸς ὁ ὢν εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρὸς ἐκεῖνος ἐξηγήσατο.

Wort-für-Wort-Analyse

Griechisch Grundform Grammatische Bestimmung Wörtliche Bedeutung
Θεὸν θεός Substantiv, Akkusativ Singular Maskulinum; Objekt zu ἑώρακεν Gott
οὐδεὶς οὐδείς Indefinitpronomen, Nominativ Singular Maskulinum; Subjekt niemand, kein Einziger
ἑώρακεν ὁράω Perfekt Aktiv Indikativ, 3. Person Singular hat gesehen
πώποτε πώποτε Adverb jemals, je, zu irgendeiner Zeit
μονογενὴς μονογενής Adjektiv, Nominativ Singular Maskulinum; zu θεὸς gehörend einziggeboren, einzig
θεὸς θεός Substantiv, Nominativ Singular Maskulinum; mit μονογενὴς verbundene Nominalgruppe Gott
bestimmter Artikel, Nominativ Singular Maskulinum; zu ὢν gehörend der
ὢν εἰμί Präsens Aktiv Partizip, Nominativ Singular Maskulinum; substantiviert mit ὁ seiend, der ist
εἰς εἰς Präposition mit Akkusativ in, hinein in, in den
τὸν bestimmter Artikel, Akkusativ Singular Maskulinum den
κόλπον κόλπος Substantiv, Akkusativ Singular Maskulinum Schoß, Brust, Busen
τοῦ bestimmter Artikel, Genitiv Singular Maskulinum des
πατρὸς πατήρ Substantiv, Genitiv Singular Maskulinum Vaters, des Vaters
ἐκεῖνος ἐκεῖνος Demonstrativpronomen, Nominativ Singular Maskulinum; betontes Subjekt jener, derjenige
ἐξηγήσατο ἐξηγέομαι Aorist Medium Indikativ, 3. Person Singular legte aus, erklärte, machte kund

Wörtliche Gesamtübersetzung

Gott hat niemand jemals gesehen; der einziggeborene Gott, der in den Schoß des Vaters seiend ist, jener legte aus.

Die Formulierung „in den Schoß“ bewahrt die Richtungsbedeutung von εἰς mit Akkusativ, klingt im Deutschen in diesem Zusammenhang jedoch weniger idiomatisch. „Im Schoß des Vaters“ ist die natürliche deutsche Wiedergabe. Das griechische Verb ἐξηγήσατο hat außerdem kein ausdrücklich genanntes Objekt. Deshalb fügt die streng wörtliche Übersetzung kein „ihn“ oder „Gott“ hinzu.

Hinweise und Anmerkungen

Θεὸν als vorangestelltes Objekt

Θεὸν steht im Akkusativ Singular Maskulinum und ist das direkte Objekt des Verbs ἑώρακεν. Das Objekt steht am Anfang des Satzes und wird dadurch hervorgehoben: „Gott hat niemand jemals gesehen.“

Das Subjekt folgt erst danach und wird durch οὐδείς ausgedrückt. Die Reihenfolge der Wörter verändert die grammatische Funktion nicht. Θεὸν bleibt das Objekt, während οὐδείς das Subjekt ist.

οὐδεὶς als Subjekt

οὐδείς ist ein verneinendes Indefinitpronomen im Nominativ Singular Maskulinum. Es bedeutet „niemand“ oder wörtlich „kein Einziger“. Als Nominativ ist es das Subjekt von ἑώρακεν.

Die Verneinung wird durch οὐδεὶς selbst ausgedrückt. Zusammen mit dem Adverb πώποτε entsteht die Aussage „niemand jemals“ oder idiomatisch „niemand hat je“.

ἑώρακεν als Perfekt von ὁράω

ἑώρακεν ist die dritte Person Singular im Perfekt Aktiv Indikativ von ὁράω, „sehen“. Die wörtliche deutsche Wiedergabe lautet „hat gesehen“.

Das Perfekt bezeichnet einen abgeschlossenen Vorgang mit gegenwärtiger Bedeutung oder Nachwirkung. In der verneinten Aussage wird nicht nur ein einzelner vergangener Sehakt beschrieben. Die Form fasst vielmehr die Erfahrung des Sehens bis zum Aussagezeitpunkt zusammen: Niemand hat Gott jemals gesehen.

Die grammatische Form ist Aktiv. οὐδείς ist derjenige, der nicht gesehen hat, Θεὸν ist das, was nicht gesehen wurde. Dadurch bleibt die Zuordnung von Subjekt und Objekt eindeutig.

πώποτε

πώποτε ist ein Adverb und bedeutet „jemals“, „je“ oder „zu irgendeiner Zeit“. In Verbindung mit der Verneinung durch οὐδείς verstärkt es die zeitliche Reichweite der Aussage. Es bedeutet hier nicht eigenständig „niemals“. Die Gesamtbedeutung „niemals“ entsteht aus dem Zusammenspiel von „niemand“ und „jemals“.

μονογενὴς θεὸς als Nominalgruppe

μονογενὴς θεὸς steht im Nominativ Singular Maskulinum und bildet die Nominalgruppe des zweiten Satzteils. μονογενής ist ein Adjektiv und stimmt mit θεός in Kasus, Numerus und Genus überein. θεὸς ist hier das Substantiv „Gott“.

Die streng wörtliche Wiedergabe lautet „einziggeborener Gott“. Als Bedeutungsnuancen werden auch „einziger Gott“ oder „einzigartiger Gott“ verwendet. Diese Wiedergaben sollen als semantische Möglichkeiten gekennzeichnet bleiben. Sie ersetzen nicht die wörtliche Übersetzung „einziggeborener Gott“ und entscheiden für sich genommen nicht alle Fragen der theologischen Auslegung.

Das Substantiv θεός steht in dieser Nominalgruppe ohne eigenen bestimmten Artikel. Der Artikel folgt erst bei dem substantivierten Partizip ὢν. Er ist daher zunächst dem Partizip zugeordnet und nicht einfach als Artikel vor θεός zu behandeln.

ὁ ὢν als substantiviertes Partizip

ὁ ὢν besteht aus dem bestimmten Artikel ὁ und dem Präsenspartizip ὢν von εἰμί, „sein“. Beide Formen stehen im Nominativ Singular Maskulinum. Der Artikel macht das Partizip substantivisch: „der Seiende“ oder idiomatischer „der, der ist“.

Die Partizipialgruppe beschreibt oder identifiziert die vorangehende Nominalgruppe μονογενὴς θεός. Sie kann daher mit „der einziggeborene Gott, der ist“ oder natürlicher mit „der einziggeborene Gott, der … ist“ wiedergegeben werden. Das Präsenspartizip bezeichnet den fortbestehenden Zustand oder die andauernde Beziehung, ohne dass daraus allein eine vollständige theologische Aussage abgeleitet werden muss.

εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρός

εἰς steht mit dem Akkusativ τὸν κόλπον. Die Grundrichtung der Präposition ist „in“, „hinein in“ oder „in den“. κόλπος kann wörtlich „Schoß“, „Brust“ oder „Busen“ bedeuten. Der Genitiv τοῦ πατρός bestimmt, wem der Schoß oder die Brust zugeordnet wird: „des Vaters“.

Die ganze Präpositionalgruppe gehört zu ὁ ὢν und beschreibt, wo beziehungsweise in welcher Beziehung der Seiende ist. Wegen des Verbs εἰμί beziehungsweise des Zustands, den das Partizip ausdrückt, wird εἰς im Deutschen idiomatisch mit „in“ wiedergegeben: „der im Schoß des Vaters ist“.

Die wörtlichere Richtung „in den Schoß des Vaters“ soll dennoch sichtbar bleiben. Der Ausdruck „im Schoß des Vaters“ ist die flüssige deutsche Fassung und bewahrt zugleich die Vorstellung unmittelbarer Nähe, die mit κόλπος verbunden sein kann.

ἐκεῖνος als betontes Demonstrativpronomen

ἐκεῖνος ist ein Demonstrativpronomen im Nominativ Singular Maskulinum. Es steht am Ende des Satzes und nimmt die vorausgehende Nominalgruppe beziehungsweise die durch ὁ ὢν näher beschriebene Person wieder auf. Wörtlich bedeutet es „jener“ oder „derjenige“.

Durch die Wiederholung mit ἐκεῖνος erhält das Subjekt Nachdruck: „Jener hat ausgelegt“ oder „er selbst hat ausgelegt“. Die wörtliche Übersetzung „jener“ bewahrt diese Betonung, während „er selbst“ eine erklärende deutsche Wiedergabe ist.

ἐξηγήσατο als Aorist Medium

ἐξηγήσατο ist die dritte Person Singular im Aorist Medium Indikativ von ἐξηγέομαι. Das Verb kann „auslegen“, „erklären“, „darlegen“, „bekannt machen“ oder „kundtun“ bedeuten.

Der Aorist stellt die Handlung als zusammengefasste Tatsache dar. Er muss nicht mechanisch als ein punktuelles einmaliges Ereignis verstanden werden. Die Mediumform wird im Deutschen meist aktiv wiedergegeben. Daher ist „jener legte aus“, „jener erklärte“ oder „jener machte kund“ möglich.

Das nicht ausgedrückte Objekt

Nach ἐξηγήσατο steht im griechischen Text kein ausdrückliches Akkusativobjekt. Der Vers endet mit dem Verb. Aus dem Zusammenhang kann ein ergänztes Objekt nahegelegt werden, etwa „ihn“, „Gott“ oder „den Vater“. Solche Ergänzungen gehören jedoch zur sinngemäßen Übersetzung und stehen nicht als eigenes Wort im griechischen Text.

Die streng wörtliche Fassung lautet deshalb: „Jener legte aus“. Eine sinngemäße deutsche Wiedergabe könnte lauten: „Jener hat ihn ausgelegt“, „Jener hat Gott kundgemacht“ oder „Jener hat ihn bekannt gemacht“. Diese Varianten werden als Ergänzungen gekennzeichnet und nicht in die Wort-für-Wort-Übersetzung eingeschoben.

Syntaktischer Aufbau

  1. Θεὸν steht als vorangestelltes Akkusativobjekt zu ἑώρακεν.
  2. οὐδεὶς ist das Nominativsubjekt und bedeutet „niemand“.
  3. ἑώρακεν ist das finite Prädikat im Perfekt Aktiv: „hat gesehen“.
  4. πώποτε ergänzt die Aussage zeitlich mit „jemals“.
  5. Der Punkt mit griechischem Semikolon trennt die Aussage über das Nichtsehen Gottes von der folgenden Aussage über den μονογενὴς θεός.
  6. μονογενὴς θεὸς bildet die Nominalgruppe des zweiten Satzteils.
  7. ὁ ὢν ist ein substantiviertes Präsenspartizip und beschreibt die vorangehende Nominalgruppe näher.
  8. εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρός ist eine Präpositionalgruppe mit Akkusativ und Genitiv, die zu ὁ ὢν gehört.
  9. ἐκεῖνος ist das betonte Demonstrativpronomen und nimmt das Subjekt des zweiten Satzteils wieder auf.
  10. ἐξηγήσατο ist das finite Prädikat im Aorist Medium. Ein ausdrückliches Objekt fehlt.

Bedeutungs- und Übersetzungsnuancen

  • „niemand jemals“: οὐδεὶς und πώποτε bilden zusammen die umfassende Verneinung „niemand hat je“.
  • „einziggeborener Gott“: Das ist die wörtliche Wiedergabe von μονογενὴς θεός.
  • „einziger“ oder „einzigartiger Gott“: Diese Ausdrücke geben mögliche Bedeutungsnuancen von μονογενής wieder, sind aber nicht die streng wörtliche Fassung.
  • „in den Schoß“: Diese Wiedergabe bewahrt die Grundrichtung von εἰς mit Akkusativ.
  • „im Schoß“: Diese Formulierung ist im Deutschen idiomatischer, wenn ὁ ὢν einen bestehenden Zustand bezeichnet.
  • „jener“: ἐκεῖνος betont das Subjekt. „Er selbst“ ist eine sinngemäße Verstärkung.
  • „legte aus“: ἐξηγήσατο kann auch mit „erklärte“, „legte dar“ oder „machte kund“ übersetzt werden.
  • Fehlendes Objekt: Ergänzungen wie „ihn“ oder „Gott“ sind sinngemäß, aber im griechischen Wortlaut nicht ausdrücklich vorhanden.

Zusammenfassung

Johannes 1,18 besteht aus zwei durch ein griechisches Semikolon verbundenen Aussagen. Im ersten Satzteil ist Θεὸν das vorangestellte Akkusativobjekt, οὐδείς das Subjekt und ἑώρακεν ein Perfekt Aktiv von ὁράω. πώποτε erweitert die Verneinung zu „niemand jemals“. Im zweiten Satzteil bezeichnet μονογενὴς θεός den einziggeborenen Gott. ὁ ὢν ist ein substantiviertes Präsenspartizip von εἰμί, das durch εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρός näher beschrieben wird. ἐκεῖνος hebt das Subjekt hervor, während ἐξηγήσατο als Aorist Medium die Handlung des Auslegens oder Kundmachens zusammenfasst. Da das Verb kein ausdrückliches Objekt besitzt, werden mögliche Ergänzungen in der sinngemäßen Übersetzung kenntlich gemacht und nicht in die streng wörtliche Fassung eingefügt.

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